Dunkelschön - Vergehen & Werden
Nun, vielen vielleicht unbekannt, darf ich verkünden, dass der Kollege Lison in den dunklen Tagen seiner Jugend als verrückter Leierkastenmann Otto der Dreunzwölfte mit seiner musikalische Gauglertruppe HELLUNSCHÖN zu gewisser Berühmtheit gelangt ist und erst durch die Inquisition eines Kremmlinger Wunderheilers gestoppt werden konnte. Später tauchte er dann nochmal als tanzender Galgenvogel in unserer Band SCHWANZFEUER auf, welche vor vielen Jahren auf einem Campingplatz in Schleswig-Holstein geboren wurde. Doch genug von der Vergangenheit – wir wollten ja über die Gegenwart sprechen. Und im Hier und Jetzt halten zweifellos DUNKELSCHÖN das Banner des keltischen Mittelalterfolk hoch. Mit ihrem sechsten Studioalbum knüpft die Band direkt an den Vorgänger „Zauberwort“ an. Zwar gab es seit 2011 verschiedene Besetzungswechsel – nein, der Kollege Lison war seltsamerweise nicht dabei – aber Sängerin Vanessa und Sänger Michael haben ihren weg trotzdem konsequent weiterverfolgt. Wie erfolgreich die deutsche Truppe mit ihrem mal ruhigen, mal rockigen Mittelalterfolk ist, zeigt sich am ehemaligen Fegefeuer-Kollegen Jens Bratbecker, der in seiner Jugend vor allem durch Hobbies wie Panzerfahren, Marduk hören und schwäbische Autobahnbepflanzungen lobpreisen von sich reden machte und der mittlerweile so viel mystische Kraft aus Bands wie SCHANDMAUL und DUNKELSCHÖN zieht, dass er bereits die zweite Backofentür durch seine bloße Anwesenheit im Nachbarzimmer hat zerspringen lassen. Ebenso mystisch muten die 10 Songs (+1 Intro) auf „Vergehen & Werden) an. Mit Songs wie dem in altem schwedisch vorgetragenen „Kolarekarl“ oder der flotten Rocknummer „Übers Meer“ dürften die Damen und Herren die Konzertbesucher schnell in einen tanzenden Mob verwandeln. Aber natürlich gibt es mit Songs wie „Das gläserne Gedicht“ oder „Memoriam“ auch wieder ausreichend Tonmaterial für dunkle Gewitterabende bei Kerzenschein.
Wie gesagt sind sich DUNKELSCHÖN absolut treu geblieben und das gilt auch für die abermals ansprechende Aufmachung des Digi-Packs. Doch ganz ohne Kritik kann ich leider auch nicht zum Ende dieser Besprechung kommen. Zum einen gefiel mir der etwas erdigere, ursprünglichere Sound des Vorgängers etwas besser, zum anderen fehlen mir auf dem neuen Album solch herausragende, sofort fesselnde Songs wie „Zauberwort“, „Spielmann“ oder „Im Namen der Rose“. Dafür wirkt „Vergehen & Werden“ allerdings insgesamt kompakter und runder.
Unterm Strich bleibt jedoch ein gutklassiges, emotionales Mittelalterfolk Album, dass der eingeschworenen Fangemeinde bestens gefallen dürfte und allen Teilzeit-Fans des Genres (so wie mir) immer mal wieder die Tür zu dieser verträumten Szene öffnen wird.
Und solange Otto der Dreunzwöfte den Zitterrochen an den Haken gehängt hat und Bratbecker vor allem durch freche Scherzanrufe bei verängstigten Metalfans auf sich aufmerksam macht, dürfte den Damen und Herren von DUNKELSCHÖN auf ihrem Weg zum Mittelalter-Folk Olymp keine ernsthafte Konkurrenz entgegen treten.