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Moonsorrow - Tulimyrsky EP

VÖ: 09. Mai 2008   •   Label:  Spinefarm Revords
10. Mai 2008

Und schon ist man reingefallen…
Denn wer auf die Gesamtspielzeit von Moonsorrows neuer EP „Tulimyrsky“ schaut, (eine Scheibe, welche den Fans das lange Warten bis zum nächsten Album erleichtern soll), der wird feststellen, dass sie mit ihren 68 Minuten sogar die Dauer des letzten Albums „V: Hävitetty“ in den Schatten stellt! Zugegeben: Quantität ist nicht alles; und der absolute Großteil von Tulimyrskys fünf Tracks ist nicht neu. Auffällig wären da zunächst einmal die beiden Coverversionen: Neben Metallicas „For Whom the Bell Tolls“ und findet sich auch „Back to North” von Merciless auf der EP. Wer Moonsorrow jedoch kennt, der weiß, dass die Band fremdes Liedgut nicht einfach kopiert und schlicht „abspielt“. Statt dessen hat man die zwei Titel stilistisch so dermaßen durch den Moonsorrow-Kakao gezogen, dass sie gut auch bandeigene Tracks sein könnten. Mangelnde Kreativität kann man ihnen also sicher nicht ankreiden – allerdings würden die Covers aber sicher nicht vermisst, wären sie auf Tulimyrsky nicht vertreten (zumal mich Sänger Ville bei „For Whom the Bell Tolls“ mit seinem hohen Röhr-Gesang ziemlich irritiert; vielleicht wäre es besser gewesen, man hätte diesen Kelch an sich vorüberziehen lassen).
Titel Nummer drei und vier hingegen sind zwar nahezu unbekannt, aber dennoch nicht wirklich „neu“. Statt dessen sind es nur neu eingespielte Versionen von alten Moonsorrow-Songs, die bislang nur auf nicht mehr erhältlichen Demo-CDs der Band erschienen waren. Bei „Taistelu Pohjolasta“ handelt es sich um einen fixen Brecher irgendwo zwischen Black und Death Metal, der einem erst in der zweiten Hälfte ein wenig Luft zum Verschnaufen gibt und nach einem gekonnt-melodiösen Exkurs wieder zum Geschredder des Anfangs zurückfindet. Auch „Hvergelmir“ beginnt mit treibendem Black Metal und wechselt von dort an zwischen wundervollen Melodiegesprengseln und brutaleren Parts hin und her, bis er elegisch ausgeleitet wird. Beide Tracks schlüpfen zwar nicht ganz so schnell ins Ohr, haben aber jeder für sich seine interessanten Momente. Insofern ist es gut, dass sie nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sind und Einblicke in die frühesten Schaffensphasen der Band gewähren.
Fünf Tracks insgesamt, minus vier mehr oder minder „Bekannte“ – was bleibt da eigentlich noch? Eine ganze Menge! Denn der einzige neue Song, der Opener und Titeltrack „Tulimyrski“ (zu Deutsch: „Feuersturm“), füllt mit seinen 30 Minuten Spieldauer glatt die übrige Hälfte der CD! Mit ihm setzten Moonsorrow die Tradition des letzten Albums fort, mit spielerischer Leichtigkeit halbstündige Epen aus dem Ärmel zu schütteln.
Dabei beginnt der Track noch recht zahm: Von Meeresgeräuschen und einer melancholischen, erwartungsvollen Musik begleitet leitet eine finnische Erzählerstimme in das Album ein. Die Langboote, auf denen sich der Hörer rein akustisch befindet, scheinen auf irgendetwas gestoßen zu sein (ein Angriff?), denn fast aus dem Nichts brechen sich die ersten brachialeren Töne ihren Weg; Black Metal-Riffs und bollernde Double Basses treiben den Feuersturm vor sich her und in die Gehörgänge des Hörers, fasern dann aber bald aus und werden epischer, filigraner und kompromissbereiter, bis sie schließlich vollends im melodischen Bereich angelangt sind, ohne dabei an Tempo zu verlieren. Nach einem erneuten Aufgreifen des Black Metal-Themas endet auch dieser Teil; man hört das Rumoren von Menschen, wie in einer Sidlung, und der Erzähler leitet zum nächsten Part über. Dort dürfen endlich wieder Akustikgitarre, Akkordeon und Maultrommel ausgepackt werden, und Moonsorrow zeigen sich von ihrer folkigen Seite, ohne die E-Gitarren vollkommen zu vergessen. Doch auch hier scheint stellenweise das schwarzmetallische Tulimyrsky-Motiv durch. Es reißt die Melodie zu einem farbenfrohen Finale empor, nach dem erst einmal wieder bedächtigere und wunderschön melancholische Töne erklingen, während der Erzähler uns weiterführt. Das Säuseln des Windes im Hintergrund wird langsam abgelöst von Kampfeslärm und den Schreien Verwundeter und Sterbender, als die Erzählkulisse wechselt und den Hörer in die Mitte einer Schlacht führt. Eine erneute Black Metal-Attacke des Tulimyrsky-Motives bricht über das Schlachtfeld herein, diesmal deutlich epischer durch zunehmend eingestreute Chöre. Am Ende der Schlacht bleiben nur das Knistern von Flammen und eine trauernde Melodie übrig. Der Erzähler führt uns empor, fort vom Ort der Schlacht, und die Melodie schwingt sich erneut zu epischen, Sphären auf, nun vollends mit Chören durchsetzt –ein himmlisches, musikalisches Valhalla?
Nach dieser Reise zwischen den Extremen sitzt man erst einmal minutenlang baff und bezaubert da. „Tulimyrsky“ führt in seiner halben Stunde durch eine reichlich bebilderte Geschichte, durch eine Vielzahl von Stimmungen und durch so ziemlich alle Schaffensepisoden von Moonsorrow. Der Titel ist ein quicklebendiger Beweis dafür, dass selbst in einem so klischeeverklebten und manchmal gar schreiend peinlichen Genre wie dem Viking/Black Metal noch Aus- und Aufbrüche möglich sind.
Letzten Endes ist der Song auch ausschlaggebend für die Wahrnehmung der CD als Ganzes. Die Covers und Neueinspielungen auf der EP sind zwar solide bis originell, aber nunmal nicht weltbewegend; die Covers könnten sogar gern durch Abwesenheit glänzen. Das halbstündige „Tulimyrsky“ hingegen ist selbst schon Kaufargument genug für die CD.
Alles in Butter? Fast. Aber nur fast. An einer Sache sind Moonsorrow mit „Tulimyrsky“ dann nämlich doch noch gescheitert. Die Neugier auf das Kommende brennt höher als noch zuvor. Und entgegen aller guten Intentionen, die mit „Tulimyrsky“ wohl verfolgt wurden, wird das Warten nun noch unerträglicher…

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