Zum Hauptinhalt springen
Interviews

Eine neue Ära erwacht: Interview mit René Berthiaume von Equilibrium

Jessica Rösch / Nuclear Blast Records

Das ist für mich eine Herausforderung und definitiv ein Verlassen meiner Komfortzone. Aber dieser Herausforderung stelle ich mich gerne.

Eine neue Ära erwacht: Interview mit René Berthiaume von Equilibrium

Nun, da das neue Album Equinox am 28. November erscheint, hatten wir die Gelegenheit, mit Rene Berthiaume von Equilibrium zu sprechen. In unserem Gespräch öffnete er sein Herz, sprach über seine Inspirationen, den kreativen Prozess hinter dem Album und darüber, was die Zukunft für die Band bereithält.

Hallo René, erstmal vielen Dank, dass du dir heute Zeit für uns nimmst und für das Gespräch mit dem Twilight-Magazin. Wir freuen uns sehr, mit dir über die aktuelle Phase von Equilibrium zu sprechen – über eure Entwicklung, eure kreative Reise und natürlich über das neue Album „Equinox“, das für viele Fans bereits ein großes Thema ist. Lass uns direkt eintauchen.

Persönliche Fragen

Wenn dich jemand nicht kennt: Was ist die eine Sache, die man über René wissen sollte, bevor man deine Musik hört?

In Bezug auf Equilibrium hilft es warscheinlich zu wissen, dass ich mich mit sehr viel unterschiedlicher Musik beschäftige. Und in der Regel findet das in Phasen statt, gerade dann, wenn ich etwas Neues entdecke. Diese Vorliebe für unterschiedlichste Musik wirkt sich dann natürlich auch auf die Musik aus, die ich dann schreibe. Deswegen findet man in der Diskografie von Equilibrium auch immer wieder Songs, von denen man gar nicht erwarten würde, dass diese von uns sind. Zudem haben wir viele folkloristische und ethnische Elemente in unserer Musik, inspiriert von anderen Kulturen. Dabei versuche ich nie, einen Einfluss originalgetreu zu imitieren, sondern ich lasse diese Impulse vielmehr auf mich wirken und versuche, daraus etwas neues zu schaffen.

Was gibt dir heute das Gefühl von „Gleichgewicht“ im Leben?

In der Therorie ist es ganz einfach: Momente in der Natur, ein ausgeschaltetes Handy, sich die Zeit nehmen zu kochen, Sport, "Nichtstun" und die Gedanken fließen lassen, Meditation. Wenn ich mir dazu allerdings mein vergangenes Jahr angucke, hat im Prinzip fast alles davon während meiner Intensiven Arbeit am neuen Kapitel von Equilibrium darunter gelitten, haha. Aber das ist ja auch das Prinzip von Gleichgewicht: Erst verliert man die Balance, dann bekommt man sie wieder, wie beim Gehen.

Gibt es Musiker oder Künstler, die dich zuletzt inspiriert haben, auch wenn sie nichts mit Metal zu tun haben?

Ein Großteil meiner Inspiration hat tatsächlich mit Metal nicht viel zu tun. Und oftmals sind es auch nicht direkt Künstler in ihrer Gesamtheit sondern eher einzelne Lieder. Generell inspirierend finde ich Bands wie Bring me the Horizon oder auch Bad Omens, da sie sich einfach so entwickeln und verändern, wie sie wollen, selbst wenn das, was sie vorher gemacht haben, schon sehr erfolgreich war. Das erfordert schon viel Mut und künstlerischen Biss. Toll finde ich auch Bands wie Heilung oder Bloodywood. Denn ich muss schon sagen, dass die Folk, Pagan, Viking, etc. Genres im Metal etwas angestaubt waren, und diese Bands bringen frischen Wind rein. Für Equinox hat mich auch das Computerspiel Hellblade inspiriert, da es gewissermaßen alte, historische Elemente als Schauplatz nutzt, diese aber durch die Geschichte und Präsentation in einen modernen Kontext setzt.

Fragen über die Band & Kreativen Prozess

Equilibrium hat über die Jahre viele Line-Up-Wechsel erlebt. Wie beeinflusst das die Atmosphäre im Studio und die Energie auf Tour?

Studio und Tour sind für mich tatsächlich zwei völlig unterschiedliche Welten. Die Alben entstehen ja zum Großteil bei mir zuhause, meistens bin ich da auch alleine. Das heisst, die Line Up Wechsel hatten keinen großen Einfluss auf das Songwriting, mal abgesehen von den Sängerwechseln. Auf Tour schaut das ganze schon anders aus. Es ist wirklich essentiell wichtig, die richtigen Leute in der Band zu haben. Natürlich hoffte ich immer, das es zu keinen Wechseln mehr kommt. Aber manchmal verschieben sich eben die Prioritäten oder Menschen verändern sich, so dass es nicht mehr zusammen passt. Immerhin reden wir hier auch von fast 25 Jahren Bandgeschichte.

Du bist seit Beginn der kreative Kern der Band. Fühlst du diese Verantwortung eher als Druck oder als Freiheit?

In erster Linie ist es für mich kreative Freiheit. Glücklicherweise habe ich kaum das Gefühl von Druck während dem Songwriting. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich gerade bei Equinox grosse Unterstützung von Jessica Rösch bekommen habe. Sie hatte früher unsere Artworks gemacht, hat aber mittlerweile aber auch an den Songs mitgewirkt. Zwei der Songs sind sogar komplett von ihr geschrieben worden. Das ist relativ ungewöhnlich, da ich immer sehr empfindlich war, jemanden an die Musik zu lassen. Aber Jessy hatte über die Jahre ein sehr gutes Gespür für Equilibrium entwickelt und ich konnte immer sehr gut mit ihren Ideen resonieren. Sie ist auch diejenige, die den visuellen Aspekt bei Equilibrium nach vorne gebracht hat, sei es in Form von Artworks, Musik Videos und Fotos.

Wenn ihr gemeinsam arbeitet: Wie sieht eine typische Songwriting-Session bei euch aus? Chaos, Struktur oder etwas dazwischen?

Meistens habe ich eine Grundidee von einem Song den ich schreiben möchte. Diese kann sich aber im Laufe des Songwritings so verändern, dass sich der Song am Ende komplett von der ursprünglichen Idee unterscheidet. Ich versuche da immer so ein bisschen mit dem Flow zu gehen und zu fühlen, was der Song von mir will. Wenn ich dann grob fertig bin, zeige ich ihn den Anderen und hole mir Feedback. Und auch hier muss ich Jessy nochmal erwähnen, denn sie steht zwar nicht mit auf der Bühne, hat aber eben einen großen Einfluss. Sie hilft mir beim Songwriting auch immer dabei, nicht den roten Faden zu verlieren. Wie ich eingangs erwähnte, habe ich haufenweise Einflüsse und sie hilft mir dabei, die Ideen so zu kanalisieren, dass es am Ende dann immer noch ein Equilibrium Song ist.

Eure Musik hat oft eine visuelle, fast filmische Qualität. Siehst du beim Komponieren Bilder oder Geschichten vor dir?

Absolut! Eigendlich waren und sind fast immer Landschaftsbilder in meinem Kopf beim Komponieren. Und oftmals nicht nur in meinem Kopf, ich schau sie mir auch gerne an, hin und wieder nutze ich auch Bilder als Wallpaper auf meinem Computer. Für mich stellt die Musik so ein bisschen den Schauplatz der Geschichte eines Songs dar. Durch die Lyrics wird das ganze dann inhaltlich lebendig.

Viele Fans verbinden Equilibrium mit Natur, Mythologie und großen Landschaften. Welche Rolle spielt die reale Natur in deinem heutigen Leben?

Wir verlieren heutzutage im Alltag so schnell die Verbindung zu uns selbst und zur Natur. Zumindest mir geht das so. Ich bin froh, dass ich in den 80ern und 90ern aufgewachsen bin, denn ich habe noch ein anderes Tempo erlebt und kann mich manchmal daran zurückbesinnen. Gleichzeitig begrüße ich natürlich die technologische Entwicklung, denn sie hat mir geholfen, damals in meinem Kinderzimmer die ersten Equilibrium Alben zu schreiben. Doch umso wichtiger ist es heutzutage, die Balance zu finden. Ich hätte damals auch nicht gedacht, dass der Name Equilibrium irgendwann mal so eine Relevanz für mich haben würde. Momente in der Natur helfen mir einfach, zu grounden und Dinge zu reflektieren, aus anderen Perspektiven zu betrachten. In Verbindung damit zu treten, wo wir eigendlich herkommen.

Fragen über das neue Album Equinox

Equinox wirkt wie ein Wendepunkt in eurem Sound. Was war die zentrale Idee oder Emotion, die das Album von Anfang an getragen hat?

Die Songs auf Equinox sind über einen langen Zeitraum entstanden. Einige Songs stammen noch aus der Corona Zeit, andere sind erst dieses Jahr entstanden. Wiederum einige Ideen sind aus meiner Schatzkiste, in der ich Ideen über all die Jahre gesammelt habe. Die können teilweise richtig alt sein. Als das Album aber konkreter wurde, haben wir quasi während des Prozesses festgestellt, wo wir hinwollen: Wir wollten einerseits unsere modernere Ausrichtung fortsetzen, gleichzeitig haben wir aber auch wieder ursprüngliche Elemente verwendet, die für Equilibrium wegweisend waren.

Welche neuen musikalischen Elemente oder Experimente habt ihr dieses Mal bewusst ausprobiert, die auf früheren Alben weniger präsent waren?

Ich denke, was am meisten auffällt, ist sicherlich der Gesang von Fabian. Er bringt eine ganze Klangbandbreite mit und damit kann man sich natürlich kreativ schön ausleben. Er selbst hat auch ein Homestudio und ist sehr interessiert daran, seine Stimme zu erforschen und damit herumzuexperimentieren. Das passt natürlich hervorragend zu der Art und Weise wie die Musik geschrieben ist. Deswegen gibt es auf dem Album Screams, Growls, Shouts, Sprechen und sogar Klargesang.

Wenn du Equinox als Film beschreiben müsstest – welches Genre wäre es, und wie würde die Handlung aussehen?

Warscheinlich wäre es eine Mischung aus "The Secret Life of Walter Mitty" und "Prinzessin Mononoke". Eine Person bricht aus ihrem alltäglichen Leben aus, vielleicht sogar unfreiwillig, möchte erstmal Urlaub machen, unterwegs im Flugzeug zu einem warmen Reiseziel fängt das Flugzeug Feuer und die Person rettet sich mit einem Fallschirm, landet aber fernab jeglicher Zivilisation in einem riesigen Wald. Dort muss sie sich erstmal zurechtfinden, gerät dann in Kontakt mit einer Gestalt die ihr hin und wieder versucht, einen Weg zu zeigen...oh ich könnte nun ewig weiterschreiben, haha, aber vielleicht sollen sich die Hörer ihre eigene Handlung ausmalen.

Gab es während des Songwritings einen Moment, in dem du dachtest: „Ja, das ist der Kern des Albums – jetzt weiß ich, wohin die Reise geht“? Wenn ja, bei welchem Song?

So ein bisschen hatte ich dieses Gefühl beim Song "Bloodwood". Dieser entstand bereits vor einigen Jahren, hat sich dann in der Zeit aber nochmal drastisch verändert. Das war auch der erste Song der dann so richtig fertig war. Er beinhaltet im Prinzip alle Grundzutaten eines aktuellen Equilibrium Songs: Er ist schnell, langsam, laut, leise, beinhaltet unsere Folkelemente, cinematische Elemente, verschiedene Vocals, klassische und moderne Metalelemente und in den Lyrics findet man die Verbindung von alt und neu.

Die Balance zwischen epischen Orchestrierungen und modernen, teils elektronischen Elementen ist sehr markant. Wie findest du die Grenze zwischen „zu viel“ und „genau richtig“?

Dafür haben wir kein Rezept. Es ist einfach eine Gefühlssache und warscheinlich auch hier, eine Sache der Balance, haha.

Gibt es einen Track auf Equinox, der für dich persönlich besonders emotional oder schwierig war zu schreiben – und warum?

Ich fand "Bloodwood" schwierig, da es eben der erste Song war und mit ihm auch ein längerer Prozess der musikalischen Selbstfindung stattfand. Für mich besonders emotional ist tatsächlich der Opener "Earth Tongue". Ich kann auch gar nicht genau beschreiben wieso. Der Grundgedanke bei dem Song war, einen repetativen Song zu schreiben, minimalistisch und sich wiederholend. Natürlich ist der Song dann komplexer geworden, aber in den Grundzügen hat er immer noch das ursprünglich mantra-artige. Gerade auch wenn man an einem Song arbeitet, hört man einige Teile ja immer in Schleife. Und das war bei diesem Song irgendwie besonders, er triggert irgendwie bei mir ein primales und universumverbundenes Gefühl.

Wenn du auf die nächsten zehn Jahre schaust: Wo siehst du Equilibrium – musikalisch, aber auch als persönliche Reise?

Equilibrium war für mich nie ein geradliniger Weg, dennoch war die Grundrichtung immer dieselber. Ich denke, dass wir diese auch weiterhin so gehen werden, vielleicht ein bisschen geradliniger und konkreter nun. Denn ich habe schon das Gefühl, mich ein bisschen mehr gefunden zu haben. Aber innerhalb dieser selbstgewählten Rahmenbedingungen gibt es natürlich trotzdem viel Raum zum fortlaufenden, kreativen Ausleben. Ich denke, wir werden mittel- und langfristig wieder viel mehr Konzerte spielen, auch in Ländern, in denen wir noch nicht waren. Das ist für mich eine Herausforderung und definitiv ein Verlassen meiner Komfortzone. Aber dieser Herausforderung stelle ich mich gerne.

Vielen Dank, René, für deine Zeit und die spannenden Einblicke hinter Equinox und die aktuelle Entwicklung von Equilibrium. Es ist immer inspirierend zu hören, wie viel Herz, Arbeit und Vision in eurer Musik steckt.

Wir freuen uns darauf, das neue Album live zu erleben – und sind gespannt, wohin die Reise für Equilibrium weiterführt. Alles Gute für die kommenden Touren und Releases – und danke nochmals vom gesamten Twilight-Magazin für das Gespräch!

EQUILIBRIUM - Bloodwood (OFFICIAL MUSIC VIDEO)
 
Line Up
Fabian Getto (Vocals)
René Berthiaume (Guitars, Bass, Keys, Produktion)
Tuval “Hati” Refaeli (Drums)
Wir benutzen Cookies
Für einige Funktionen benützt diese Website Drittanbieter Cookies (YouTube/Google) - Lesen Sie mehr darüber in unseren  
Hinweis

Eine Ablehnung wird die Funktionen der Website beeinträchtigen. Möchten Sie wirklich ablehnen?