Blutengel – Omen
Berliner Dark-Pop gehört nun gar nicht zu meinen Zielgruppen. Da hilft es auch nicht, wenn die Band bei Wikipedia als „technoid beeinflusste Elektronik-Band aus dem Umfeld der Schwarzen Szene“ beschrieben wird. Technoid beeinflusst klingt eher nach ansteckender Krankheit als nach begehrenswerter Musik. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Gut, das elektronische Einstiegspattern von „The War Between Us“ klingt für mich etwas nach wildgewordenem NDW-Keyboarder, aber schon bald wir der Song tanzbar und druckvoller. Und ihre Fans müssen die Berliner vermutlich ohnehin nicht mehr überzeugen, denn wer in guten 15 Jahren bereits fast ebenso viele Alben veröffentlich hat, der muss ja auch irgendetwas richtig machen.
Da der Kollege Lison und ich ja nun bereits einige Zeit regelmäßige Mera Luna Besucher sind, ist es mal an der Zeit, um sich auch mal mit einigen düsteren Konserven zu versorgen. Seitdem der Hildesheimer Rockclub seine Pforten verschlossen hat, bekomme ich in der Hinsicht ja nur noch wenig mit. Als die erste Single von „Omen“ aus meinen Boxen dröhnte, war ich jedoch gleich recht positiv angetan. „Sing“ ist ein gefälliger, durchaus auch kommerzieller Song, der sowohl tanzbar ist als auch durch eine eingängige Melodie überzeugt. Und in vollem Bewusstsein meiner Unkenntnis über die schwarze Szene stürze ich mich in den journalistischen Fettnapf und werfe einfach mal Namen irgendwelcher düsteren Bands in die Runde: Denn für mich liegen BLUTENGEL irgendwo zwischen DEINE LAKAIEN und ASP. Dabei ist der „technoide“ Anteil nicht so dominant brutal wie etwa bei COMBICHRIST, so dass BLUTENGEL auch für den Metalfan auf Abwegen hörbar bleiben. Auch wenn es z.B. bei „Holy Blood“ auch durchaus mal elektronischer zugeht. Da kann man schon mal die Gasmaske aufsetzen und den berühmt berüchtigten 2vor-2zurück Tanz aufführen. Dabei durchbrechen die Berliner ihre englischsprachige Ausrichtung auch immer wieder mal mit deutschen Texten, wie z.B. „Ich bin das Feuer“ oder „Asche zu Asche“.
Ich hätte jetzt schlicht gesagt, dass die Band Befriedigung bringt, wenn der Hörer mal das Bedürfnis nach trauriger Düsternis verspürt. Doch bekanntlich ist man in der schwarzen Szene Freund des pathetischen Wortes. Daher ist in der offiziellen Labelverlautbarung eher davon die Rede, wie geschickt BLUTENGEL „auf der Klavitur der Gefühle spielen“ und dabei gleichzeitig „schwelgerisch der dunklen Seite“ ein musikalisches Denkmal setzen. Nun gut, mag auch sein. Auch wenn ich in der Regel eher auf bratende Gitarren stehe, würde ich BLUTENGEL doch durchaus zu den Düsterkapellen zählen, bei denen man sich beim Mera Luna 2015 mal aus musikalischen Gründen vor die Bühne bewegen kann und nicht nur, um die leichtbekleideten Gothicbräute zu beäugen.
Das Album erscheint in verschiedenen Versionen, so dass die Fans selber entscheiden können, ob sie sich mit den 16 Songs des Standardalbums zufrieden geben wollen oder doch noch mit einer oder sogar zwei Bonus-CDs aufrüsten wollen.
Für mich persönlich bleibt „Sing“ der herausragendste Song einer durchweg gutklassigen Electronic Dark Pop Scheibe, die zwar in dem ein oder anderen Song auch mal ein bisschen in die Langeweile (z.B. „Wir sind was wir sind“) abzurutschen droht, insgesamt aber eine gute Dosis dunkler Traurigkeit bereithält.
KURZ: Düster wie die Geschichtskenntnisse unser Abiturienten präsentieren sich BLUTENGEL auch auf „Omen“ als tanzbarer, gefühlvoller und trauriger Vertreter der schwarzen Szene. Dabei gelingt ihnen, was in unserer Redaktion sonst nur durch Sportskanone Lison bewerkstelligt wird: Der Spagat zwischen Kommerz und musikalischen Vorlieben jenseits des Mainstream.
