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Edgar Allan Poe - Visionen

VÖ: 26. Mai 2006   •   Label:  Gun Records
04. Juli 2007

n. Wenngleich er sich unmöglich in eine Kategorie pressen lässt, lassen sich in seinen Werken neben romantischen Geschichten, Reiseerzählungen, heiteren Kurzgeschichten, schwarzhumorigen Erzählungen und Detektivgeschichten, ferner ebenfalls gar Science-Fiction-Themen finden. Doch nicht nur um seine Storys rankte ein geheimnisvoller Schleier - Sein relativ kurzes Leben selbst, in dem er außergewöhnlich viel erlebt und geschaffen hat, war spannend, tragisch und voller Rätsel zugleich und nahm nach lediglich 40 Jahren, wahrscheinlich hervorgerufen durch starke Alkoholabhängigkeit, einen epileptischen Anfall und Herzversagen leider ein jähes Ende. Dass man sich allerdings seinem schier unbändigen Sog selbst zuweilen einfach nicht entziehen kann, liegt eventuell nicht gerade zuletzt daran, dass der Amerikaner Ängste und Seelenzustände des Menschen zu beschreiben wusste, welche Zeit und Raum mühelos überdauern sowie unglaublich nah auf die Realität reflektierend und glaubwürdig verziert sind. Und so vermag es einen gar nicht weiter zu verwundern, dass ihm etwas zuteil wurde, was vielen versagt blieb, denn wie kaum ein anderer prägte und verblüffte Poe seine Mitmenschen aufgrund seiner Vielseitigkeit und virtuosen Sprachlichkeit schon zu Lebzeiten, woran sich bis heute nach wie vor nicht das Geringste geändert hat. Auf dem einzigartigen Resultat "Visionen" zollen nun gut 150 Jahre später national wie auch international renommierte Schauspieler und Bands diesem einzigartigen Schriftsteller in Wort sowie Musik ein überaus würdevolles Tribut. In ausgewählten Gedichten, welchen der notwendige Freiraum für individuelle Interpretationen keinerlei Grenzen gesetzt wurden, wie "Der Rabe", "Elenore" oder "Die Glocken", die allesamt dezent musikalisch inszeniert sind und einen beträchtlichen Teil zur Faszination der Geschichten beitragen. Von den Worten der schillernden Persönlichkeit inspirierten Songs stehen zahlreiche, sehr bedachte Künstler auf einem Doppelalbum, unterteilt in Hörbuch und Musik, für "Visionen" Pate und setzen auf diesem Wege des Romantikers Werke durchaus gekonnt neu in Szene. Beginnend mit einer bombastischen Filmorchestereinleitung, um von dort in die unglaublich beeindruckende erste Rezitation "Der Rabe" gesprochen von Ulrich Pleitgen überzugehen, findet die erste CD ihren ehrwürdigen Anfang, wie gleichermaßen ein echtes Highlight. Seine spannend-abwechslungsreiche, meisterhaft gestaltete Erzählweise zieht den Hörer einfach in den Bann und vereinnahmt den Lauschenden sondergleichen durch die stimmliche Darbietung Pleitgens letzthin vollends. Neben jenem geben sich allerdings indessen auch noch KollegInnen wie Jan Josef Liefers, Hannelore Hoger, Dietmar Bär, Kai Wiesinger, Anna Thalbach, Gudrun Landgrebe, Hannelore Elsner und der wie ein Märchenonkel erscheinende Dero von Oomph immens überzeugend die Klinke in die Hand. Wenn dann allerdings noch obendrein die Ausnahmeerscheinung und einer der erfolgreichsten Schauspieler aller Zeiten Christopher Lee (u.a. Dracula und Der Herr der Ringe) mit seiner wirklich herausragenden, ausgebildeten Bassstimme den Raben umhin nicht nur auf Englisch schaurig-eindringlich und mit einer unheimlichen Vehemenz, sondern noch hinzu auf Deutsch - akzentfrei wohlgemerkt - vorträgt, so ist das schon nicht nur mehr als spooky und einen wahrlich großen Gänsehautschauer wert, sondern gleichermaßen eine echte respekteinflößende Besonderheit, welche das Tüpferchen auf dem "i" liefert und die Bedeutung des hochbegabten Dichters nur noch mehr unterstreicht. Nichtsdestotrotz kann jedoch zusammenfassend eigentlich fürwahr niemand auf dieser CD hervorgehoben werden, denn die Kombination aus unterschiedlichen Betonungen und Klängen verleiht jeder Rezitation eine eigenständige, magisch-atmosphärisch durchflutete Aura, stellenweise beinahe schon in einer etwas pathetischen, allerdings ebenfalls neuen Dimension, welche auf ihre völlig eigene Art und Weise zu begeistern und fesseln weiß. Longplayer No.2 dahingegen startet mit den sehnsuchtsvollen Klängen Lâme Immortelles ihrer Single "Dein Herz", welche der CD eine durchaus gelungene, gefühlvoll-schöne und in das elegische Konzept passende Eröffnung bescheren, die glatt aus dem Elisabeth Musical entsprungen sein könnte. Dem sogleich folgt mit dem "Lied für Annabel Lee" von Deine Lakaien auch schon das nächste Glanzlicht. Alexander Veljanovs Stimme, die von sanft-einfühlsam ertönenden Streichern untermalt wird, fügt sich hierbei indes wahrlich wunderbar in das Geschehen des musikalischen Kleinods ein und stellt somit eine rundum traumhafte Vertonung dar, bei welcher definitiv sehnsüchtige Gedanken und Gefühle zum Leben erweckt werden - erstklassig! Mit Secret Discovery sind darauf folgend eher schwach-glänzende Sterne am hell erleuchteten Firmament zugegen, deren "Nur ein Traum" zwar zwischenzeitlich ein interessantes, eindringlich wirkendes Stück Gothic Rock ist, größtenteils allerdings unterdessen aufgrund des Gesangs einen heftigen Abbruch erleidet und durch den auf diesem Part eindeutigsten Höhepunkt, dem beigesteuerten, leicht mittelalterlich angehauchten "Finster, Finster" Subway to Sallys nahezu in Vollkommenheit untergeht. Weiterhin Hörenswertes bieten folglich noch das stark auf Textrezitation beruhende "Ligeia" von der Songwriterin der Rainbirds, Katharina Frank, Christopher Lee, welcher auch gesanglich zum Zuge kommen durfte, sowie die wavige Klanglandschaft "Der Eroberer Wurm" der FM-Einheit, dem Künstlernamen Frank-Martin Strauss', welcher Teil der experimentiersüchtigen Einstürzenden Neubauten war. Das weitere Spektrum reicht über eine von Mara Kim nette Pop-Ballade, einem Beitrag Vince Bahrdts von Orange Blue als auch den jungen Tenören bis hin zum klassischen Kammerorchester. Resultierend lässt sich sagen: Gleichwohl diese reizvoll-vielfältige Sammlung ganz gewiss nichts für Genre-fixierte Musikfreude ist, begibt sich "Visionen" eindeutig auf die Spuren Edgar Allan Poes, bei welchem jeder der darauf enthaltenen Künstler einen würdevollen Umgang mit dem Phänomen des Literaturtheoretikers ansinnend bewies. Und so beende ich den Satz mit dem wahrscheinlich bekanntesten Ausspruch: "Sprach der Rabe: Nimmermehr". Reinhören heißt nämlich die Devise!

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