Seien wir mal ehrlich, die heutige Jugend findet den singenden Deutschlehrer wohl eher grinch, doch seine ehemaligen Kommiliton*innen, die mittlerweile unwiderruflich im Bildungsbürgertum angekommen sind, feiern den klavierspielenden Barden heute ebenso wie damals vor 40 Jahren – vielleicht nicht mehr mit dem Rotwein aus dem Tetrapack. „Werdegang“ ist aber auch nicht einfach nur ein Best Of Album geworden, sondern verschiedene Produzenten haben Handangelegt und 24 Songs aus Kunzes Feder umarrangiert und neu interpretiert. Die Fans durften im Vorfeld über Social Media abstimmen und so ist ein wahres Gemeinschaftsprojekt entstanden. Kunzes Evergreens, deren lyrische Tiefe heute noch ebenso zündet wie zur Entstehungszeit, sind also im 21. Jahrhundert angekommen. Gott sei Dank bewegen sich die Neuinterpretationen jenseits von dumpfen Malle-Beat-Versionen. Allerdings muss ich dennoch gestehen, dass ich meine Favs wie „Mit Leib und Seele“, „Dein ist mein ganzes Herz“, „Vertriebener“ oder „Finden Sie Mabel“ doch lieber im Original höre. Wirklich schlecht sind die neuen Versionen natürlich auch nicht, denn derartig gelungene Songs kann man gar nicht richtig verunstalten. Aber ich lege die Nummer eher unter „interessant“ ab und widme mich dann anderen Tracks der Scheibe. So ist der Opener „Meine Wege“ beispielsweise echt hörenswert. „Die ist Klaus“ ist ein richtig gelungener NDW-Rocker geworden und „Götter in weiß“ oder „Finderlohn“ gehen als gute Deutschrocker für das gemütliche Beisammensein im Kreise der Studienrat-Kolleg*innen durch. Wer sich als Fanboy outet und die Fanbox erstehen will, der wird übrigens mit einem Bruchstück von Kunzes Klavier belohnt. Coole Idee. Mit „Werdegang“ liefert HEINZ RUDOLF KUNZE eine musikalische Biografie ab, in der Außenstehende ein mal zurückhaltendes, mal angriffslustiges, aber auch spitzzüngiges Bild eines der letzten deutschen Künstler mit Anspruch gezeichnet haben. Kann man auch ohne Abitur hören.
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