Zum Hauptinhalt springen

Fettes Brot - Brotstock - Die letzte Show der Welt

VÖ: 28. November 2025   •   Label  Fettes Brot Schallplatten
Zwei Sommer nach dem letzten Auftritt von Fettes Brot, wird nun die Konserve des Konzertes auf die Menschheit losgelassen. Ich durchschaue nicht so ganz, welche VÖ-Datum man sich nun tatsächlich vorstellte. Im selben Presskit findet man den 28. November 2025, aber auch den 1. Advent, also den 30. November 2025. Also veröffentlichen wir das Review dazwischen. 
Ende der 1980er und Anfang der 1990er bis Anfang der 2000er sprießen eine Menge deutschsprachiger Hip-Hop/Rap Acts aus dem Boden. Stuttgart, Frankfurt, München, Hamburg waren die Epizentren. Später Berlin mit Sido, Bushido und Co. So richtig zum Goldesel wurde kommerziell nur Fanta 4, wenn man es ehrlich betrachtet. Dann darf man nicht den Crossover-Hype vergessen Rap trifft auf verzerrte Gitarren: Guano Apes, Such A Surge
Zu den sehr norddeutschen Vertretern der Hip-Hop/Rap-Szene zählt man Fettes Brot, Absolute Beginner und Samy Deluxe. Unzählige hatten ein kurzes Feuerwerk und, wenn sie musikalisch weitermachten, blieben sie allenfalls auf Clubniveau. Ferris MC schauspielert hin und wieder in der ein oder anderen ÖRR Krimiproduktion. Ja, als notorischer Mucker, ging in der Pubertät dieser Musikstil nicht an mir vorbei. Erstkontakt mit diesem Stil waren Fanta 4. Aber ich fand den Mindener Curse irgendwann tiefsinniger und die Münchner Blumentopf unterhaltsamer. Bei den in Hamburg ihr Unwesen treibenden Reimern gehörten Fettes Brot für mich auch eine Zeit lang zum guten Ton, dann Fünf Sterne Deluxe. Eißfeldt samt (Absolute) Beginner fand ich nicht begeisternd, Jan Delays Funkphase war allerdings ganz cool - wurde nichts auf Dauer. Fettes Brots Auf einem Auge blöd sowie außen Top Hits, innen Geschmack hatten Airplay im CD-Player und Discman, Fettes Brot lässt grüssen, auch Am Wasser gebaut schafften es für mich nicht über die Trägerschaft von Singles (wie Emanuela oder Tage wieder dieser) nicht hinaus. 
Curse, der dieses Jahr anlässlich des Jubiläums seines Albums Feuerwasser Auftritte absolviert, und die mittlerweile auch aufgelösten Blumentopf höre ich hingegen bis heute regelmäßig. Dennoch war ich neugierig auf die Konserve des Livekonzerts von Fettes Brot. 
"Alles weitere steckt hier in der Musik, die ihr in der Hand haltet ... unsere finale Platte. Seufz. Mit Liedern aus fast 30 Jahren. Wer die jetzt hört und die Bilder angucken kann, ohne zu lachen, schluchzen, tanzen oder hart zu reminiscen, ist aus (sehr spitzem) Stein gemacht. Darum: dreht das Ding laut, mit Fenster weit auf, dann sind wir für 2 volle Stunden gar nicht so weit weg. Tschüssikowski hardcore! Boris, Björn & Martin", heißt begleitend zum Bemusterungsmaterial. Bedürfnis zum Lachen, Schluchzen, Tanzen oder hart zu Reminiscen stellte sich beim Konsum nicht ein, aber indes das Gefühl, sehr gut unterhalten zu werden mit mitreißenden Musikern und einer bezüglich Fettes Brot keine Wünsche offen lassenden Setlist. Das Publikum im Konzert hatten sie von vornherein auf ihrer Seite gehabt. An Tagen wie diesen ist in dem Katalog von Fettes Brot ein Song, der sich von den gemeinhin überwiegend auf Jux und Dollerei ausgerichteten anderen Stücken abhebt. Und mehr denn je eine Relevanz entwickelt. Vor allen Dingen, wenn man auf polnischen Autobahnen im Ostteil des Landes unterwegs ist und dort die Straßentransporte von Rüstungsgütern sieht oder in der Ukraine eine Kolonne von radbasierten Artilleriegeschützen auf Sattelzügen an sich vorbeirauschen sieht Richtung Osten. Von den Cruise Missiles, die über der eigenen Rübe Richtung Nord-Westen ihren Bewegungsvektor hatten, ganz zu schweigen. Oder die vielen frischen Soldatengräber und Gedenkstelen, die an die Gefallenen erinnern. An Tagen wie diesen ist damit ein Lied wider dem Abstumpfen, denn wer abgestumpft ist, hört auf, etwas als falsch in Frage zu stellen. Und seinerzeit und auch nun bei diesem Konzert Pascal Finkenauer als Gastsänger - auch wenn sein Timbre sehr an den Kaberetisten Rainald Grebe erinnert - verpflichten zu können, freut mich als Fan der Elekroband Jaw, die allerdings nur ein Album zustande brachten (No Blue Peril; 2000); seine anderen Veröffentlichungen ergriffen mich stilistisch gar nicht. 
Brotstock - Die letzte Show der Welt stimmt mich nicht melancholisch, weil Fettes Brot für mich bereits weit vor dem Bandende keine Relevanz mehr hatten. Bettina zieh dir bitte etwas an oder Schwule Mädchen waren nur noch kurze Blitze. Sich das Livealbum anzuhören führte mir eher vor Bewusstsein, wie alt man mittlerweile geworden ist, wenn man Songs mit Erstveröffentlichung kennenlernte. Alles in allem unterhält Brotstock - Die letzte Show der Welt mehr als zwei Stunden lang sehr gut und macht gute Laune. Insofern eignet sich das Album vorallen Dingen auch vorzüglich als finales Best of von Fettes Brot. 


 
Fettes Brot - An Tagen wie diesen [Feat. Pascal Finkenauer] - Brotstock - Die letzte Show der Welt
 
Wir benutzen Cookies
Für einige Funktionen benützt diese Website Drittanbieter Cookies (YouTube/Google) - Lesen Sie mehr darüber in unseren  
Hinweis

Eine Ablehnung wird die Funktionen der Website beeinträchtigen. Möchten Sie wirklich ablehnen?