Pipers zweites Album A Bridge Across Time ist nicht einfach ein Satz Songs hintereinander – es ist ein langsam wachsendes Universum, das sich zwischen Zeit, Erinnerung und dem unbestimmten Raum dazwischen entfaltet. Schon der Titeltrack öffnet diesen Raum: er fragt nicht nur nach Zeit, sondern lässt dich förmlich an der Grenze zwischen gestern und morgen stehen, mit offenen Sinnen in den Horizont blickend.
Atmosphäre & Gefühl
Was sofort auffällt, ist die melancholisch-offene Stimmung, die durch fast jede Sekunde dieses Albums pulsiert. Piper hat schon auf dem Debüt eine Gabe gezeigt, große Themen zu malen, aber auf A Bridge Across Time wird dieses Talent nicht nur weitergeführt – es wird transformiert, ausgeweitet, bis es sich wie eine Landschaft anfühlt, die du betrittst.
Hier geht es um Grenzen und Grenzenlosigkeit, um Verlust, Hingabe, um die Sehnsucht, weiterzugehen, auch wenn der Weg unsichtbar ist.
Musikalisch liegt der Fokus auf breiten, fließenden Melodien, getragen von Klavier, warmen Gitarren und diesem Hauch nordischer Nacht im Hintergrund – als hätten sich die Schatten der Wälder und das Raunen des Windes in den Arrangements eingenistet. Die Songs bewegen sich wie Kapitel eines Films, nicht wie einzelne Tracks: leise, tief, nachdenklich – und manchmal überraschend kraftvoll.
Themen, Lyrics & Tiefe
Die Texte wirken wie Gedanken, die beim Blick in den Himmel entstehen:
sie fragen nicht nach einer konkreten Antwort, sondern werfen eher Fenster auf, durch die du selbst hindurchblicken kannst.
Es geht um Zeit, die sich dehnt und zusammenzieht, um die schwer fassbaren Momente des Lebens und um die Art von Verlusten, die niemand gut erklären kann.
In „Raindrops“ zum Beispiel fühlt sich jede Note wie fallender Tropfen an – nicht nur im Titel, sondern auch im Gefühl:
ruhig, tief, ein bisschen zerbrechlich, aber mit einer unerwarteten Stärke im Kern.
„Tell Me“ und „Dimming Landscape“ tragen dieses Thema weiter:
Es ist keine direkte Erzählung, sondern ein Gefühlsspiel, ein intuitives Verständnis von Zeit und Raum, das sich erst beim wiederholten Hören ganz öffnet.
Sound & Produktion
Produziert von Saku Anttila (der auch alle Instrumente arrangiert und spielt), klingt das Album organisch, warm und doch weitläufig.
Keine glänzende Studio-Politur, sondern eine Mischung aus natürlicher Nähe und subtiler Mystik – als würdest du mit dem Künstler zusammen am Lagerfeuer sitzen, während der Mond langsam über ferne Hügel steigt.
Jede Schicht – Klavier, Gitarre, Stimme, sequenzierte Beats – fühlt sich bewusst gesetzt an, wie Pinselstriche auf einer Leinwand, die langsam ein Bild entstehen lassen, das auf den zweiten Blick noch viel mehr enthüllt.
Stil & Entwicklung
Verglichen mit dem Debüt What Is the Heart For? spürt man hier eine klare Entwicklung:
Bridge Across Time hält nicht mehr nur an einer Melodie fest, sondern wandert darüber hinaus, fächert sich in unterschiedliche Richtungen auf und schafft so ein größeres, offeneres Gefühl.
Die melancholische Tiefe bleibt Pipers Markenzeichen, aber hier wird sie nicht repetitiv, sondern wechselt zwischen introspektiven Momenten, leisen Drehungen und weiten, fast sphärischen Stellen – wie ein Blick in mehrere Himmel gleichzeitig.
Fazit
Piper – A Bridge Across Time ist ein Album, das dich nicht sofort „hat“, aber sobald du dich darauf einlässt, dich umschließt.
Es ist kein explizit episches Werk im klassischen Sinne, sondern eines, das dir Raum lässt, eigene Gedanken, eigene Bilder, eigene Zeit zu fühlen.
Manchmal leise, manchmal getragen, fast immer tief – dieses Album ist wie ein Blick in eine andere Dimension deines eigenen Alltags.