Mit Make Mittelalter Great Again veröffentlichen VOGELFREY nicht nur ihr 7. Studioalbum, sie schlagen auch ein neues Kapitel ihrer musikalischen Laufbahn auf. Die Hamburger nehmen ihr eigenes Genre auseinander, bauen es neu zusammen und nennen das Ergebnis: Mittelalter Dance Metal. Der Sound? Lauter, elektronischer, schräger als je zuvor. Der Mut zum Stilbruch ist unüberhörbar – aber nicht jeder wird ihn lieben.
Denn was klar dominiert, ist der Synth-Sound. Er stampft, pulsiert, treibt – und drängt die Gitarren in vielen Songs fast in den Hintergrund. Was früher mehr nach Taverne und mittelalterlichem Folk klang, hat jetzt eher den Charme von Industrial-Club und NDH-Maschine. Hier vermischen sich VOGELFREY mit Zutaten wie EISBRECHER oder MEGAHERZ und einer Prise RAMMSTEIN. Ein gewagter Schritt – aber einer mit Haltung. VOGELFREY wollen keine Kopie ihrer selbst sein. Eine Entscheidung, die Respekt einfordert.
Mit „Alle sagen das“ liefern sie den vielleicht stärksten Song der Platte. Zwischen satirischer Gesellschaftskritik und clubtauglichem Beat treffen VOGELFREY den Nerv der Zeit. Der Text karikiert den heutigen Einheitsbrei aus Ansichten und Phrasen in einem Rundumschlag gegen zweifelhafte Erwartungen der Gesellschaft, Konsumverhalten, Kapitalismus, Rechtsextremismus und mehr – alles verpackt in einem Refrain, der genauso tanzbar wie nachdenklich ist. In „Trollwut“ und „Gott Mensch“ zeigt sich die Band dann von ihrer härteren Seite. Die Riffs sitzen, der Groove zündet, es klingt weniger nach Dance und mehr nach Metal. Genau hier blitzt etwas vom alten Vogelfrey-Feuer auf.
An der Produktion ist wenig auszusetzen. Der Sound ist satt, die Beats hämmern, die Vocals haben ihren Raum. Doch so viel Energie auch in der Platte steckt – sie hat ihre Schattenseiten. Gleich mehrere Coverversionen bremsen den Fluss des Albums und wirken etwas wie Füllmaterial. Durchaus technisch solide, aber sie nehmen dem Werk etwas Eigenständigkeit. Auch der Folkeinfluss, einst ein Markenzeichen der Band, kommt diesmal kaum zur Geltung. Violine und Cello dürfen zwar gelegentlich aufblitzen, doch wirklich entfalten können sie sich nicht. Erst in den späteren Tracks klingt das vertraute Mittelalter-Feeling kurz durch – und selbst das bleibt flüchtig. Für den einen ist dies frischer Wind für die Szene, für den anderen vielleicht eher eine zu rapide Abkehr vom mittelalterlichen Touch.
Fazit:
Mutig, laut und modern. VOGELFREY feiern und provozieren zugleich, tanzen zwischen Satire und Statement. Make Mittelalter Great Again ist keine Rückkehr zu alten Tugenden – es ist ein Schritt in die Zukunft, ein Schritt bei dem das Mittelalter etwas auf der Strecke zu bleiben scheint. Wer Energie, Ironie und Party sucht, wird bestens bedient. Wer dagegen Folk-Metal-Klänge oder stimmungsvolle Mittelalterromantik erwartet, könnte in seinen Hörgewohnheiten enttäuscht werden.