Es ist ein Album, das man betritt.
Von der ersten Sekunde an bricht Equilibrium aus jeder Erwartungshaltung aus.
Kein Rückgriff auf alte Formeln, keine Kopie der eigenen Klassiker — dieses Album fühlt sich an wie ein Tor zwischen zwei Welten, das langsam, mit tiefer Stimme und viel Licht im Hintergrund aufschwingt.
Fabian Getto liefert auf seinem ersten Equilibrium-Album eine beeindruckend natürliche Leistung ab.
Er klingt, als wäre er schon immer Teil dieser Welt gewesen – rau, klar, emotional und absolut passend zur neuen Atmosphäre des Albums.
Das Schönste daran:
Es klingt, als hätte die Band endlich wieder gefunden, wonach sie in den letzten Jahren gesucht hat.
Nicht Nostalgie.
Nicht Modernisierung um der Modernisierung willen.
Sondern Identität.
Der Sound – weit, organisch, kinoreif
Was dieses Album von Anfang an trägt, ist sein Mix:
breit, warm, rund, aber mit einer klaren metallischen Kante.
- Gitarren, die nicht dröhnen, sondern fließen
- Drums, die dynamisch spielen, statt nur Druck zu machen
- ein Bass, der sich organisch in die Szenerie einfügt
- und darüber ein Teppich aus Streichern, Synthesizern, tribalartigen Percussions, Chören und schamanischen Vocals
Equilibrium haben es geschafft, das Folk-Element subtiler, erwachsener einzubauen. Kein Instrument schreit mehr „Folk“, sie atmen es einfach.
René Berthiaume glänzt wie selten zuvor.
Sein Gespür für Cinematic-Breite, Layering und organisches Songwriting trägt das gesamte Werk. Man hört in jeder Sekunde, dass Equinox von seiner Vision lebt.
“Earth Tongue” – ein Übergangsritual
Der Opener beginnt mit einem unheimlich dichten Atmosphärenbild:
rhythmische Trommeln wie Herzschläge, ein fernes Flüstern, Stimmen, die wie Wind durch alte Ruinen streichen.
Es ist kein klassischer Start, es ist ein Ritual, das die Tür zum Album öffnet.
Wenn dann die Gitarren reinkommen, fühlt es sich nicht an wie ein „Break“, sondern wie eine natürliche Fortsetzung.
Equilibrium erschaffen hier ein Weltgefühl, nicht einfach einen Song.
Frauenstimmen als Kern, nicht Dekoration
Einer der größten Stärken von Equinox:
die Willenskraft, Frauenstimmen nicht im Hintergrund zu verstecken, sondern ihnen Raum zu geben.
1. In „Nexus“ – die Erzählerin
Eine weibliche Spoken-Word-Stimme taucht auf, warm, dunkel, fast prophetisch.
Kein opernhaftes Trällern, keine symphonische Standard-Stimme — sondern eine Erzählerin, die dem Song eine neue Perspektive schenkt.
Eine Stimme, die nicht „schön“ sein will, sondern wahr.
2. In “Borrowed Waters” – Roniit, das Herzstück
Dann kommt der Song, der das Album emotional zusammenzieht: „Borrowed Waters“.
Roniit setzt sich hier nicht einfach auf ein paar Harmonien — sie trägt den Song.
Ihre Stimme schwebt wie Nebel über einem See, klar, mystisch, verletzlich und stark zugleich.
Der Track verbindet Witch-Pop, Ambient Folk, cinematische Klangflächen und eine fragile Intensität, die sofort unter die Haut geht.
Es ist ein Moment, in dem man Equilibrium spürt wie selten zuvor:
nicht als Metalband, sondern als Geschichtenerzähler.
Zwischenräume – das Herz des Albums
Der Mittelteil ist ein Dialog aus Mikrodetails:
- kleine elektronische Pulsierungen,
- chorale Flächen, die wie aufziehende Wolken wirken,
- Stimmen, die im Hintergrund wie Geisterfragmente auftauchen,
- Gitarren, die nicht alles dominieren, sondern mal führen, mal tragen, mal verschwinden,
- und Drums, die oft intuitiv wirken, als folgten sie dem Atem eines Tieres und nicht einem Raster.
"Archivist" ist ein atmosphärischer Ruhepunkt – ein Übergang, der den inneren Rhythmus des Albums perfekt trifft.
"Ill Be Thunder" bringt die moderne Härte, aber jetzt mit Substanz und ohne künstliche Aggression.
Der Schluss – ein echter Neubeginn
Im letzten Drittel lädt Equinox noch einmal alle Elemente ein:
- das Ritualhafte aus dem Anfang,
- die Frauenstimmen,
- die cineastische Größe,
- die organische Härte,
- die Naturmetaphern,
- und das Gefühl einer gemeinsamen Reise.
Es ist selten, dass ein Equilibrium-Album so kohärent, so atmosphärisch, so reif wirkt.
Nicht „zurück zu den Wurzeln“,
sondern zurück zu sich selbst.
Fazit
Equinox ist für mich das beste Equilibrium-Album seit Sagas — aber nicht, weil es klingt wie früher, sondern weil es den Mut hat, anders, tiefer und ehrlicher zu sein.
Es ist ein Album, das wächst, das sich öffnet, das Räume schafft.
Ein Album, das dich ansieht und sagt: Bleib ein bisschen. Hör genau hin. Ich habe Geschichten für dich.
Und vor allem:
Es ist ein Album mit Seele.