Mit ihrem neuesten Album katapultieren Lorna Shore ihre eh schon steile Karriere in bisher ungeahnte Dimensionen.
Ein kleines Geständnis vorweg – vor ein paar Jahren konnte ich mit Lorna Shore nicht wirklich viel anfangen. Heute sitze ich an diesem Review und genieße jede Sekunde aus den Lautsprechern. Wie es dazu kam, möchte ich euch im Laufe dieses Reviews erklären.
Der klassische Deathcore von Lorna Shore hat sich längst zu einem epischen Hybrid aus extremem Metal, orchestraler Dramatik und anspruchsvoller Virtuosität entwickelt – und dieses Album markiert den (vorläufigen) Höhepunkt dieser Entwicklung. Nach den Erfolgen von "Pain Remains" aus dem Jahr 2023 beweist das Quintett aus New Jersey, dass es keine musikalischen Ketten gibt, die man nicht sprengen kann.
Von der ersten Sekunde an, als „Prison Of Flesh“ mich mit drückenden Blastbeats, den bedrohlichen Synths und Will Ramos’ stimmlicher Achterbahnfahrt überrollte, war mir klar: Lorna Shore spielen hier in einer ganz anderen Liga. Ein wilder Tanz zwischen Chaos und erschreckender Präzision. Dieser Song, der sich thematisch mit Demenz und dem Verlust der eigenen Realität auseinandersetzt, ist bereits ein Paradebeispiel für die Fähigkeit der Band, tiefgreifende persönliche Geschichten in gewaltige Klangwände zu mauern.
Die ersten Alben „Psalms“ und „Flesh Coffin“ gingen zunächst komplett an mir vorbei. Damals hatte ich gerade mal die Welt des Rock entdeckt und mich langsam in den Metal-Bereich vorgetastet. An etwas härteres als Iron Maiden, Hammerfall und Megadeth war da noch nicht zu denken. Als ich dann zufällig ein paar Songs der Band zu hören bekam, war mein erster Eindruck skeptisch – bis ich bei einem ehemaligen Bandkollege zu Besuch war.
Die Single „Oblivion“ demonstriert die gekonnte Balance zwischen gewohnter Deathcore-Aggression und neuer cineastischer Weite. Wuchtige Gitarrenriffs, orchestrale Arrangements und überlegtes Songwriting verschmelzen hier zu einem Moment der Erhabenheit. Auch Stücke wie „Unbreakable“ zeigen, dass Lorna Shore nicht nur auf technische Exzellenz setzen, sondern die emotionale Tiefe ihrer Lyrics zu transportieren wissen. Besonders beeindruckend ist die Bandbreite des Albums. „Glenwood“ offenbart intime Verletzlichkeit, inspiriert von Ramos’ persönlichen Erfahrungen mit familiärer Entfremdung, während „Lionheart“ mit Pathoseffekten aufwartet, die an Film-Soundtracks erinnern. Mein persönlicher Favorit „In Darkness“ entfalten bereits zu Beginn durch die orchestrale Untermalung eine düstere Epik, wie man sie vielleicht aus der Dark Souls-Videospielreihe kennt.
Als mir mein damaliger Bandkollege – ein bekennender Lorna Shore-Fan – das frisch gekaufte „Immortal“-Album präsentierte und mich förmlich in das Sofa neben dem Plattenspieler zwang, die Nadel auflegte und die ersten Minuten aus den Boxen ballerten, war ich schwer beeindruckt. Diese Band konnte mehr als nur brutal. Zwar kann ein ganzes Album manchen Kopf und manches Ohr überfordern (ich spreche aus eigener Erfahrung), aber die einzelnen Tracks holten mich einfach ab.
Will Ramos’ Gesang ist und bleibt eine Offenbarung. Nicht nur gehören seine infernalischen Growls und gutturalen Schreie zu den eindrucksvollsten der Szene, er zeigt sich auch als dramaturgischer Erzähler, dessen Stimme die emotionalen Höhen und Tiefen der Songs mit einem nachvollziehbaren menschlichen Kern verbindet. Das Album zeigt, wie die Band aus Erfahrung und persönlichem Schmerz schöpft, um Musik zu schaffen, die gleichzeitig zerstörerisch und heilend wirkt. In „Forevermore“ gipfelt die Reise schließlich in einer Suite, die alle Themen des Albums zusammenführt: Dunkelheit, Verlust, Erlösung und Triumph. Lorna Shore beweisen hier, dass Deathcore längst nicht nur eine Ausdrucksform der Aggression ist, sondern ein Vehikel für epische Musik und ein Ventil für tiefe Emotionen.
In den über zehn Jahren ihres Bestehens hat die Band zahlreiche Besetzungswechsel, tragische Verluste und persönliche Herausforderungen überwunden. Von den frühen EPs und Alben bis hin zu "Pain Remains" haben sie stetig an technischer Finesse, orchestraler Komplexität und emotionaler Tiefe gewonnen. Mit "I Feel The Everblack Festering Within Me" erreicht dieser Entwicklungsbogen nun seinen bisher spektakulärsten Höhepunkt. Lorna Shore haben nicht nur die Grenzen ihres Genres gesprengt – sie haben einen Maßstab geschaffen, an dem sich zukünftige Generationen messen müssen, der den Deathcore neu definiert und Lorna Shore vermutlich endgültig zu den führenden Bands des modernen Extrem-Metal macht. Episch, technisch virtuos, emotional erschütternd – und für mich unvergesslich.