Die Metalcore-Veteranen von OF MICE & MEN präsentieren uns mit „Another Miracle“ ihr neustes Werk. Dabei schaffen die Kalifornier es, weiter ihren klassischen Sound abzuliefern, aber auch vielseitige neue Einflüsse mit einzubeziehen. Es als ein weiteres Wunder(werk) zu bezeichnen, würde dann aber doch ein wenig zu weit führen.
Der Auftakt klingt weniger klassisch, als es „A Waltz“ titeltechnisch vermuten lässt, denn der elektronisch-epische Opener präsentiert sich voll, druckvoll und behält dabei sogar das rhythmisch-geflüsterte Walzerthema bei. Im deutlichen Kontrast dazu folgt „Troubled Water“, das durch den düsteren Industrial-Beat und den überwiegenden Cleangesang gekonnt Unbehagen und Beklommenheit evoziert. Von der Beklommenheit in die Sicherheit flüchten wir uns danach bei „Safe and Sound“. Der Song kommt geradezu intim-melancholisch daher, wie ein Loslassen am emotionalen Ruhepunkt. Um keine Eintönigkeit aufkommen zu lassen, konfrontieren OF MICE & MEN uns nun mit brachialer, geradezu kathartischer Wut. „Hourglass“ ist wohl der kompromissloseste Song des Albums und überzeugt passend mit einem massiven Breakdown. Spätestens hier zeigt sich, wie vielseitig die Stimme von Frontsänger Aaron Pauley wirklich ist.
Auch wenn bis hierhin niemand eingeschlafen sein dürfte, geht es beim fünften Song „Wake Up“ überraschend weiter. Wir werden mit verletzlich-melodischen Post-Hardcore- und Pop-Punk-Vibes konfrontiert, was klanglich auf jeden Fall „Punk Goes Pop“-Nostalgie aufkeimen lässt. Mit „Flowers“ folgt die neuste Singleauskopplung. nostalgische Elektronik trifft auf schwere Gitarren und schafft so eine kontrastreiche, manchmal fast balladisch anmutende Emotionalität.
„Another Miracle“ als Titeltrack des Albums kommt im Vergleich sehr klassisch daher: eingängig, hoher Mitsingfaktor beim Refrain, keine Überraschungen, aber ein solides Stück – wenngleich kein Wunderwerk. Ob „Contact“ wirklich so spacig im Intro wirkt oder ich durch das vor meinem inneren Auge erscheinende Cover des gleichnamigen Films voreingenommen bin, tut erst mal nichts zur Sache. Spannender ist, dass der Songaufbau etwas unkonventioneller gestaltet ist und bewusst mit Erwartungen spielt.
„Parable“ zeigt sich düster und elektronisch, erzeugt eine gewisse emotionale Schwere und endet mit einem sehr heftigen Breakdown. Einen anderen Weg schlägt „Somewhere in Between“ ein. Hier geht es fast Drum’n’Bass-artig los, der Rhythmus ist komplexer und dennoch wirkt der ganze Song äußerst dynamisch und treibend – trotz eines Half-Time-Moments zu einem recht frühen Zeitpunkt. „Swallow“ ist hingegen deutlich basslastiger und erinnert in seinen elektronischen Elementen ein wenig an Celldweller. Der Chorus fällt vergleichsweise lang aus, und auch hier punkten OF MICE & MEN wieder mit einem intensiven, brutalen Abschluss.
„Infinite“ ist der Albumcloser und macht noch einmal einiges anders. Die Synths zu Beginn sorgen durch den massiven Hall für ein Gefühl von (unendlich) leerem Raum, der sich langsam füllt. Viel Gefühl und Wehmut schwingt hier mit, und die Shouting- und Cleananteile halten sich die Waage. Zudem gibt es in diesem Song keinen klassischen Breakdown – stattdessen faden Song und Album aus und geben so auch dem Hörer die Möglichkeit, sich nicht zu schnell losreißen zu müssen.
Mit „Another Miracle“ liefern OF MICE & MEN ein Album ab, das eindrucksvoll zeigt, wie sicher sich die Band in ihrem eigenen Sound bewegt und wie clever sie diesen weiterentwickelt. Die Kalifornier verweben Härte, Elektronik, Melodie und Emotion so selbstverständlich miteinander, dass kaum ein Moment belanglos wirkt. Jeder Track bringt eine eigene Farbe mit, überrascht mal rhythmisch, mal atmosphärisch, mal durch den vielseitigen Gesang von Aaron Pauley – und genau daraus entsteht die große Stärke dieses Albums: Kontraste, die sich zu einem runden Ganzen fügen.
Trotzdem: So stark, vielseitig und durchdacht „Another Miracle“ ist, das titelgebende Wunder bleibt am Ende aus. Die Band spielt ihre Stärken souverän aus, wagt punktuell Neues und liefert definitiv eines ihrer interessantesten und facettenreicheren Werke der jüngeren Vergangenheit – aber das bahnbrechende, revolutionierende Moment bleibt aus. Das ist am Ende aber eher eine Randnotiz, denn das Album überzeugt durch seine Energie, sein Gefühl für Spannung und seine dichte, kraftvolle Produktion.