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Scorpions – Coming Home Live

VÖ: 05. Dezember 2025   •   Label 
How can we grow old
When the soundtrack of our lives is rock and roll

Schon Shakespeare legte seinem Macbeth die folgenden Worte in den Mund: „O, full of scorpions is my mind, dear wife!” Und ebenso hatten fast 50.000 Fans die SCORPIONS im Kopf, als sie, so wie ich, am 5. Juli ins Stadion nach Hannover pilgerten, um in mancher Hinsicht eine Show der Superlative zu bestaunen.

Viel wurde geredet, im Vorfeld der Geburtstagsfeier zum 60. Jubiläum Deutschlands größter Hard Rock Band: Die Band wässerte den Fans mit verschiedenen Andeutungen und Versprechungen den Mund, Gerüchte über den einen oder den anderen Gast wurden diskutiert, die Protagonisten Meineke und Schenker waren in den unterschiedlichsten Medienformaten zu Gast und ließen verlautbaren, dass die Stadt extra die Bestimmungen für den Lärmschutz gelockert habe. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Keine Frage, die SCORPIONS lieferten in vielerlei Hinsicht eine unvergessliche Show ab, hatten auch (fast) nur hochkarätige und passende Bands im Vorprogramm und sorgten definitiv seit langem in Hannover mal wieder für eine gewisse „Super Rock/Monsters Of Rock“ – Atmosphäre. Doch abgesehen von den zahlreichen Videogrußbotschaften ließ sich kein Ehrengast auf der Bühne blicken und so manch ein Fan dürfte enttäuscht gewesen sein, dass kein ehemaliges Bandmitglied zum Jam geladen war (aus rechtlichen Gründen, wie es später hieß). Auch der verspätete Beginn der Show sorgte nicht gerade für gute Laune und provozierte bei den Fans sogar einige Buhrufe. Vor Mitternacht war dann auch bereits wieder Schluss.
Dass die SCORPIONS ihre quasi-Heimat Hannover als Austragungsort für ihre Geburtstagssause ausgewählt haben, ehrt die Truppe, von der ja letztlich nur noch Gitarrist Schenker und Frontmann Meine zur originalen Sarstedter Urtruppe gehören, sehr. Und am Ende des Abends hatte auch das Gefühl, dass die Herren ihre Feier zu jeder Sekunde genossen haben – und auch die Fans dürften zufrieden nach Hause gegangen sein. Ich jedenfalls stand trotz aller Kritikpunkte durchaus auch unter dem Eindruck an diesem Abend einem der letzten großen SCORPIONS – Momente beigewohnt zu haben. Es ist naheliegend, dass die SCORPIONS diese Show auf Bild- und Tonspur für die Ewigkeit festgehalten haben. Das Ergebnis liegt seit letzter Woche in verschiedenen Formaten, Formen und Farben vor. Ich beziehe mich in dieser Rezi auf die Doppel-CD, die in einem aufklappbaren Pappschuber mit drei Fächern daherkommt: In zwei Fächern finden sich die CDs, im dritten ein farbenfrohes Booklet mit einigen ansehnlichen Live- und Momentaufnahmen. Im Vergleich zur ursprünglichen „Farewell“ – Tour 2010, als die SCORPIONS in der damaligen Tui-Arena spielten, umfasste die Playlist 2025 zwei Songs weniger, dafür gab es in diesem Sommer ein gut achtminütiges „70s Medley“ bestehend aus „Top of the Bill“, „Steamrock Fever“, „Speedy’s Coming“ sowie „Catch Your Train“ zu hören. Matthias Jabs durfte sich in „Delicate Dance“ musikalisch austoben und Mikkey D. und Basser Pawel präsentierten ihre Künste ebenfalls in guten vier Minuten. Die Playlist stellte den Versuch dar, alle Phasen der 60jährigen Karriere in irgendeiner Weise zu berücksichtigen. Der aktuelle Longplayer wurde recht früh in der Playlist mittels „Gas in the Tank“ gewürdigt – „Rock Believer“ hingegen fehlte. Dass das „Love at First Sting“ mit sechs Nummern bedacht wurde, dürfte nicht nur mir besonders gefallen haben, zumal die Rückkehr von „I’m Leaving You“ nicht nur eine schöne, sondern – zumindest für mich – auch große Überraschung dargestellt haben. Nun mag man über die Balladen der SCORPIONS denken was man will, aber sie gehören natürlich zu einem Konzert der Rocker einfach dazu. Und sorgte „Send Me An Angel“ bereits für einen emotionalen Moment, so zauberte „Wind Of Change“ (nun auch mit aktualisierten Lyrics) doch wohl bei den meisten Anwesenden eine Gänsehaut auf den Körper, was auch an der fulminanten Lichtshow lag. Die Zuschauer hatten am Eingang Armbänder bekommen, die nun während der Show in unterschiedlichen Farben aufleuchteten. Und es gibt keine zwei Meinungen: Wenn über 40.000 Menschen den Refrain aus voller Kehle mitsingen, dann gehört das zu den ganz großen Momenten im Hard Rock Universum. Doch es gehört auch zur Wahrheit, dass der Mitschnitt gerade bei diesem Song unüberhörbar offenlegt, dass Meine an diesem Abend stimmlich nicht in Hochform war (deutlich nachzuhören auch bei „Still Loving You“). Und dies galt auch für die Performance, bei der man deutlich sehen konnte, dass die 60 Jahre im Rock ‘N‘ Roll Zirkus ihren Tribut gefordert haben.
Auch erscheint mir der Sound mitunter etwas pappig und dünn, so etwa bei „I’m Leaving You“ – auch hier liegt Meine nicht immer auf der richtigen Note. Dennoch sind Hymnen wie „Tease Me Please Me“, „Big City Nights” oder „Blackout” nach wie vor Monumente des Hard Rock. They will never go out of style! Für nicht wenige Musikfans gehört „Still Loving You” zu den besten Balladen, die jemals geschrieben wurden. Und auch hier galt und gilt: Wenn der Song laut oder über Kopfhörer läuft und das Heer der 10.000en lauthals mitsingt, lässt dies sicherlich kein Rockerherz kalt. Mit „Rock You Like A Hurricane“ fand die Show nach guten 90 Minuten ihren standesgemäßen Abschluss – und Höhepunkt. Denn hier ließen es die SCORPIONS nicht nur auf der Bühne krachen, sondern illuminierten auch den Himmel über der Stadt.
Völlig losgelöst von all den Hochgefühlen und Momenten der Freude ließen Spielzeit und Playlist doch Wünsche offen. Fehlte „The Best Is Yet To Come“ aus gutem Grund? Und auch auf das fast immer gesetzte „Holiday” wartete man vergeblich. Dass das teilweise harte „Face The Heat“ es nicht in die Playlist geschafft hatte, schmerzte auch, immerhin sind „Alien Nation“ oder „No Pain No Gain“ echte Pfunde. „Don’t Stop At The Top“ gilt ja etwas als ungeliebtes Kind in der Discografie der Hannoveraner, hätte nach meinem Dafürhalten aber auch einige Kandidaten für die Geburtstagssause im Petto gehabt, genauso wie „Return to Forever“.
Während ich mir neben der Doppel-CD auch die Test-Pressung auf Vinyl gegönnt habe, erzeugt der momentane Werbe-Overkill für die seltsame Skorpion-Figur-Version durch alle denkbaren wie abwegigen Influencer (vom rockenden Bäcker bis hin zum Porno-Sternchen) vor allem den Eindruck, dass sich diesen Staubfänger niemand so wirklich für Geld in die gute Stube stellen will (allerdings melden die entsprechenden Shops „ausverkauft“). Und zu aller Zwiespältigkeit des Albums gesellt sich auch die Verwunderung über das belanglose Coverartwork: Ein Skorpion kriecht am Fuße eines Bergdorfes durch eine Felsenwüste. Was besseres ist den Verantwortlichen für das wahrscheinlich letzte Live-Album der größten Deutschen Hard Rock Band nicht eingefallen? Da kann man im Vergleich mit dem ikonischen Livebild auf dem Cover von „World Wide Live“ natürlich nur abstinken.
Was bleibt also nach 60 Jahren SCORPIONS und der großen Geburtstagsfeier in Niedersachsens Hauptstadt? Einerseits nostalgische Hochgefühle, Freude und Dankbarkeit über Unmengen an genialer Musik aus der Feder der SCORPIONS, aber auch ein wenig Ernüchterung angesichts der letztlich doch etwas überraschungsarmen Performance (ohne Gaststars) sowie die Überzeugung, dass jetzt (anders als 2010) nun vielleicht doch der Zeitpunkt gekommen ist, um sich in aller Würde von der Bühne zu verabschieden.

“‘Cause all those years of rocking hard
Have taught us how to rise and how to fall
And we're still standing tall
I said we're going going out with a bang”

Scorpions CD
Scorpions - Big City Nights (Live)
 
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