Mit vereinten Kräften durch die Schützengräben der Erinnerung
Während 1349 rohen, norwegischen, Black Metal fabrizieren, könnte man anhand des verwandtschaftlichen Bandnamens bei den Ukrainern von 1918 eine ähnliche musikalische Ausrichtung vermuten. 1918 sind aber weitaus breiter gefächert als die Norweger. Hier steht eindeutig Blackened Death-Doom auf der Menükarte.
Der Titel ihres brandneuen vierten Studioalbum „Viribus Unitis“ (Latein für „Mit vereinten Kräften“) ist eine historische Anspielung auf das persönliche Motto von Franz Joseph I., Kaiser der österreichisch-ungarischen Monarchie. Es soll außerdem die Unverwüstlichkeit der Band widerspiegeln.
Auch im vierten Werk steht der Ersten Weltkriegs wieder im Fokus, diesmal aber eher das Thema Kameradschaft, statt Tod und Zerstörung. Diese thematische Verschiebung ist nicht nur mutig, sondern auch bitter notwendig in einer Zeit, in der die Band selbst – aus der kriegsgebeutelten Ukraine stammend – die Realität von Konflikt und Überleben am eigenen Leib erfährt. „Viribus Unitis“ wird dadurch zu mehr als einem historischen Dokument: Es ist ein Zeugnis zeitloser menschlicher Erfahrung, ein Bindeglied zwischen den Schützengräben von 1914 und den Schlachtfeldern von heute.
Musikalisch bietet „Viribus Unitis“ wieder ihrer bereits bewährte Mischung aus Blackened Death Metal, langsam schleppenden doomigen und atmosphärisch bedrohlich wirkenden Klangstrukturen. Hinzu kommen diesmal mehr melodische Parts, orchestrale Elemente und ein eindringlicher Klargesang, der den perfekten Counterpart zu der erdrückenden Brutalität liefert.
Die Produktion von „Viribus Unitis“ verdient besondere Erwähnung: Jedes Element – vom geflüsterten Befehl über das Pfeifen der Artillerie bis zum tosenden Blast-Beat – sitzt mit chirurgischer Präzision im Mix. Die Band hat gelernt, Raum zu schaffen, zu atmen, wo früher nur Verdichtung herrschte. Dies zeigt sich besonders in den langsameren Passagen, wo die Doom-Einflüsse voll zur Geltung kommen und eine beklemmende Atmosphäre erzeugen, die an die besten Momente von frühen Paradise Lost oder Bolt Thrower erinnert.
Definitiv einer der Höhepunkte des Albums ist „1918 Pt. 3: ADE (A Duty to Escape)”, hierbei liefert Gastmusiker Aaron Stainthorpe die ideale Stimmung zur Vertonung von Trauer und Brüderlichkeit an der Front. Der ehemalige My Dying Bride Sänger verschmilzt mit seinem unverwechselbaren Timbre perfekt mit der apokalyptischen Soundwand von 1914 und hebt diesen Track auf eine neue Ebene.
Was 1914 von anderen Metal-Bands mit Kriegsthemen unterscheidet, ist ihre akribische Recherchearbeit und der Respekt vor dem historischen Material. Dies ist keine billige Kriegsverherrlichung oder martialische Pose – es ist musikalische Geschichtsschreibung von höchster Güte. Die Band fungiert als Chronist vergessener Schlachten und namenloser Gefallener und gibt den Stummen eine Stimme durch ihr donnerndes Requiem.
Das Intro „War In (The Beginning of the Fall)“ eröffnet das Album mit einer Tonaufnahme der Hymne des Österreichisch-Ungarischen Reiches, bevor der Sturm in Form des Songs „1914 (The Siege of Przemyśl)“ über den Hörer zusammenbricht. Die Band schlägt mit vernichtender Präzision zu. Der Song dokumentiert eine der längsten Belagerungen des Ersten Weltkriegs mit entsprechend zermürbender Intensität. Die repetitiven Riffs simulieren die Monotonie und Verzweiflung der eingeschlossenen Soldaten.
Ebenfalls hervorzuheben ist die Südtirol Offensive mit „1917 (The Isonzo Front)“. Der Track handelt über die zwölf Schlachten entlang des Flusses Isonzo, in denen zwischen 1915 und 1917 italienische Streitkräfte gegen österreichisch-ungarische und deutsche Truppen kämpften. Bei dem Song verschmelzen Black Metal-Tremolo-Picking mit Death Metal-Brutalität zu einem verheerenden Ganzen, während am Ende ein Akustikpart eine kleine Oase der Ruhe bietet. Im Anschluss ertönen Bläser und Chöre einer längst vergessenen Tonaufnahme, die den schleppenden „1918 Pt1: WIA (Wounded In Action) einläutet. Im Mittelteil wird es midtempolastig, bevor bedrohlich anmutende Chöre wieder in einen doomigen fast verstörenden Part überschwenken.
Am Schluss steht „1919 (The Home Where I Died)” mit Jérôme Reuter von Rome, das eindringliche Porträt eines Soldaten, der zwar den Krieg überlebte, aber nicht dessen Schatten. Der emotionale Song befasst sich mit dem Lebenswillen und familiären Werten des Mannes, der aus der Gefangenschaft entkommen konnte, um bei seiner Rückkehr Frau und Tochter in die Arme zu fallen. Reuter, bekannt für seine neoklassischen und martialischen Folk-Kompositionen, verleiht diesem Track eine cineastische Dimension, die zu Tränen rührt – ein würdiger Abschluss für diese emotionale Odyssee.
Zusammenfassend lässt sich das Album als Manifest der Extreme beschreiben. Mit atmosphärischen Elementen, dramatischen Einsprengseln und starken Gästen erschaffen 1914 mit „Viribus Unitis“ ihr bisher dynamischstes und emotionalstes Album.
Das Viertwerk ist dennoch keine leichte Kost. Es fordert vom Hörer Zeit, Aufmerksamkeit und emotionale Bereitschaft, sich auf 56 Minuten Verzweiflung, Hoffnung und Trauma einzulassen. Aber wer sich darauf einlässt, wird mit einem der ambitioniertesten und bewegendsten Extreme-Metal-Alben der letzten Jahre belohnt.